1. Einleitung

Leonidas

Als im Herbst 2006 die ersten bewegten Bilder zu einem weiteren Vertreter des neubelebten Genres der Sandalenfilme durch das Internet geisterten, blieben euphorische Reaktionen zunächst weitgehend aus. Hat man sich doch längst wieder daran gewöhnt, historische Kost in opulent ausgestatteten Hollywood-Großproduktionen auf eine den zarten Intellekt der Massen schonende Weise vermittelt zu bekommen. Doch was sich in den wenigen Szenen des ersten Teasers zu dem Film mit dem funktionalen Titel „300“ bereits ankündigte, schien die vorangegangenen Produktionen an Niveau noch bei weitem unterbieten zu wollen: Monsterfratzen, Riesennashörner, endlose CGI-Heere und halbnackte Muskelpakete, die sich voller Todesverachtung in waffengespickte Gegnerscharen stürzen, ließen die einleitenden Gedanken zum Wesen der alten Spartaner, die aus dem Off schallten, schnell vergessen machen und versprachen eine – vorsichtig formuliert – ungewöhnliche Aufbereitung einer der berühmtesten, aber auch berüchtigtsten Episoden der antiken Geschichte: der Schlacht an den Thermopylen 480 v. Chr. Der kleine Appetitmacher enthielt bereits alle wesentlichen Merkmale, die den eigentlichen Film später zu einem der skurrilsten Mainstream-Produkte der letzten Jahre machen würden. Diese waren allerdings wenig geeignet, in der Fachwelt das Interesse an einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Umsetzung unter historischen Gesichtspunkten zu wecken.

Während sich die meisten Wissenschaftler also im Laufe der in den Folgemonaten abgespulten, massiven Werbekampagne frühzeitig abwandten und nur einige wenige Forscher aus dem angloamerikanischen Raum sich – wenn auch mit leichtem Unbehagen, so will es scheinen – später der Materie widmeten, traf die Ankündigung bei Jugendlichen, der eigentlichen Trägergruppe des bei Produzenten mittlerweile recht beliebten, weil kostengünstigen viralen Marketings, auf dankbare Geister. Wurde die zentrale Aussage des Films doch gleich mit vorangekündigt und präsentierte sich dabei als überraschend simpel: „Wahnsinn? Das ist Sparta!“ Und wer das nicht glaubte, wurde sogleich per Fußtritt in einen bodenlosen Abgrund befördert. Hier offenbarte sich eine Botschaft, der es an Klarheit nicht mangelte und sich solcherart gleich in Frontstellung begab zu den Bemühungen namhafter Regiegrößen wie Wolfgang Petersen oder Oliver Stone, in ihren eigenen Beiträgen „Troja“ (2004) und „Alexander“ (2004) ein gesondertes Maß an Verständnis für die Komplexität und Multiperspektivität von altgeschichtlicher Konfliktentstehung einfließen zu lassen. „300“ aber, so wurde gleich klar, vermittelte eine andere Art von Botschaft: Differenziert wird nicht! Und so wurde quasi im Handstreich das angestrengte Ringen um moderne „political correctness“ in historischen Stoffen, das zuletzt noch Ridley Scotts „Königreich der Himmel“ entscheidend geprägt, in Sachen Plotgestaltung und Authentizität jedoch auch bedeutend gelähmt hatte, beiseite gewischt und Platz geschaffen für die Propagierung einer unkomplizierten und übersteigerten Heldenverehrung nach einem Muster, das bereits als überwunden galt.

Der Erfolg scheint den Machern recht zu geben. Im Gegensatz zu „Alexander“, dessen Verantwortliche bei aller aussagewirksamen Durchkonzeptionalisierung der historischen Vorlagen leider die Entwicklung eines spannenden Drehbuchs versäumt hatten, konnte „300“ an den Kinokassen enormen Zulauf verbuchen.(1) Nach den konkreten Ursachen hierfür zu suchen, soll nicht im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen. Dennoch muss festgehalten werden, dass der Film letztlich auf eine breite und äußerst vielfältige Resonanz gestoßen ist. Und gerade das Wissen um diese Popularität muss der Alten Geschichte ein Antrieb sein, sich nicht von allzu viel maskulinem Flair abschrecken zu lassen, sondern die Auseinandersetzung mit diesem Film zu suchen. Denn auf welche Weise auch immer die antiken Stoffe vermittelt werden, vermittelt werden sie auf jeden Fall. Und geschieht dies in einer solchen Größenordnung, sollte es nicht an Versuchen fehlen, das medial verzerrte Bild der historischen Gegebenheiten gerade auch mit Hilfe der Quellen wieder etwas gerade zu rücken. Das mag nicht jeden interessieren, der den Film gesehen hat, und den simplifizierenden Tendenzen, die ihn möglicherweise so erfolgreich machten, letztlich auch zuwiderlaufen. Dennoch sollte der Versuch einer Klarstellung aus fachlicher Perspektive nicht unterbleiben. Im Zeitalter der Informationsgesellschaft sei es dann jedem selbst überlassen, ob er oder sie mehr über die Hintergründe erfahren möchte oder doch lieber weiterhin vom epischen Kampf Gut gegen Böse träumt.

Wer sich ein wenig im world wide web umschaut, wird schnell feststellen, dass „300“ hier bereits ein breites Echo gefunden hat. In einer Unmenge an Kurzartikeln, Kommentaren, Darstellungen und Gegendarstellungen wird auf die eine oder andere Weise kritisch, aber gerne auch unkritisch Bezug genommen auf Handlung, Umsetzung oder eben die historischen Hintergründe der Schlacht an den Thermopylen. Dabei melden sich mitunter einige Fachleute wie Victor Davis Hanson oder Paul Cartledge im Rahmen von kurzen Beiträgen oder Interviews über die historischen Fakten zu Wort; wohl nicht zuletzt deswegen, weil sie in den Entstehungsprozess des Films involviert waren.(2) Doch bei den meisten dieser Bemühungen, die „wahren“ Hintergründe des Films zu beleuchten, steht die Hinzunahme der Quellen, d.h. das Aufzeigen von im Film problematisch vermittelten Sachverhalten anhand konkreter Textstellen oder Hinterlassenschaften der Antike, bedauerlich im Hintergrund.(3) Dieser Artikel soll hier Abhilfe schaffen und einen Eindruck davon vermitteln, was wir anhand des uns überlieferten Materials überhaupt von der Schlacht an den Thermopylen rekonstruieren können. Dem Anliegen dieses Internetprojektes folgend wird die Vermittlung der Sachverhalte im weiteren Verlauf durch die Beantwortung von einigen Fragen geschehen, die Bezug auf diverse Kernelemente des Filmes nehmen. Eine Grundsatzdiskussion über die möglichen Wertvorstellungen oder ethischen Normen einer Kriegerkultur wie der spartanischen, so unzweideutig sie in dem Film auch angepriesen werden, soll jedoch ausbleiben, da sie Rahmen und Intention dieses Projektes verfehlen würde. Eine Liste mit weiterführender Literatur soll schließlich zur Vertiefung der Problematik anregen.

[Inhaltsverzeichnis]