2.2 Comic und Film – Ein Vergleich

Persischer Krieg

Wer sich mit „300“ auseinandersetzen möchte, muss sich stets darüber im Klaren sein, dass dieser Film kein eigenständiges Werk darstellt, sondern auf einer Comic-Reihe von Frank Miller basiert, die sich wiederum größtenteils an die Beschreibungen bei Herodot anlehnt. Miller selbst hat öfters zu Protokoll gegeben, dass er als Kind sehr von dem Film „The 300 Spartans“ aus dem Jahre 1962 beeindruckt worden sei, bei uns geläufig unter dem Namen „Der Löwe von Sparta“.(4) In dem aktuellen Kinofilm laufen also viele verschiedene Einflüsse zusammen, und es darf mit Recht danach gefragt werden, welche persönlichen Noten Regisseur Zack Snyder nun noch hinzugefügt haben mag.

Snyder hat stets betont, dass ihm bei den Dreharbeiten des Films primär die möglichst akkurate Umsetzung der Comicvorlage am Herzen gelegen habe, um den unvergleichlichen Stil und die blutige Ästhetik von Frank Miller aufs getreueste einfangen zu können. Die Entwicklung einer eigenen, am Ende gar politischen Aussage hat er dabei immer dementiert und im Übrigen auf die Handlung des Comics verwiesen, die er nur in bewegte Bilder verwandelt habe.(5) Die Gemüter, die sich vor allem an der Darstellung der Perser als unmenschliche Bestien und der allgemein faschistoiden Tendenz in der Ausdeutung der Spartaner als todesliebende Übermenschen aufgeheizt hatten, konnte er mit solchen Aussagen freilich kaum beruhigen.(6) Und in der Tat zeigen sich gerade im Vergleich zu der Handlung der Vorlage doch einige, teils recht erhebliche Abweichungen, die sich nicht immer mit der Anpassung an den modernen Zeitgeist oder die Erwartungshaltung der Zuschauer erklären lassen und auf eine, wenn auch unauffällige, Neuinterpretation hindeuten.

Von der Tatsache abgesehen, dass sich Miller in seinem Comic oftmals näher an Herodots Angaben hält, wenn er etwa die Spartaner durchweg mit ihren langen Haaren abbildet, ihnen bei Thermopylae ein Kontingent von 7000 Griechen an die Seite stellt oder auf heroische Alleingänge des Königs im Kampf verzichtet, werden die Spartaner dort auch sehr viel düsterer gezeichnet. So wenden sie regelmäßig sadistische Bestrafungsmaßnahmen an, um die Disziplin zu erhalten, und Leonidas selbst lässt seine 300 Krieger ganz bewusst und ohne Reue in den sicheren Tod gehen. Die wohl umstrittensten Szenen des Films, in denen die Spartaner mit geradezu menschenverachtender Gleichgültigkeit mit sterbenden und toten Gegnern umspringen, finden ihre Vorbilder somit alle bereits in den von Rottönen dominierten Zeichnungen des Comics. In Snyders Werk stellt sich das Wesen der Protagonisten dagegen wenn nicht heiterer, so doch zumindest menschlicher dar, was Raum lässt für persönliche Gefühle, die zwar unterdrückt werden, nichtsdestotrotz aber vorhanden sind. Besonders deutlich wird dies an der Figur des Leonidas selbst, dessen Beziehung zu Königin Gorgo im Film sehr viel intensiver zur Geltung gebracht wird als dies im Comic der Fall ist. Auch für die herzliche Freundschaft zu seinem Hauptmann schien in der Vorlage noch kein Platz gewesen zu sein. Nebenbei wurde Leonidas für die filmische Umsetzung gleich zehn Jahre jünger gemacht, um auch der weiblichen Zielgruppe die geradezu jugendliche Vitalität des ursprünglich alternden Königs noch halbwegs plausibel erklären zu können.

Die deutlichsten Abweichungen betreffen allerdings zwei ganz andere Bereiche. Da wäre zum einen der Nebenplot um Königin Gorgo und den Verräter Theron, der in dem Comic keinerlei Vorbild hat. Dahinter steckt natürlich die Idee, nachträglich die Figur einer starken Frau zu schaffen, die heute zum Repertoire jeder zeitgemäßen Hollywood-Produktion gehört, oftmals aber bei einem durch eine literarische Vorlage beschränkten Drehbuch erst nachträglich geschaffen werden muss, indem eine bereits vorhandene weibliche Nebenrolle entsprechend ausgebaut wird. Ähnliches geschah beispielsweise auch bei der Verfilmung von Tolkiens „Herr der Ringe“ mit der Rolle der Arwen. Das ist jedoch nicht der einzige Zweck dieser zusätzlichen Episode. Die geschickt vor das letzte Gefecht der Spartaner gesetzte Rede Gorgos vor dem Rat der Stadt offenbart schnell, welche Werte hier vermittelt werden sollen: Der Schlüsselsatz dieser Rede, die eigentlich den bedrängten Spartanern die rettende Hilfe sichern soll, dabei aber eher nach einem programmatischen Plädoyer für die Verteidigung der Demokratie mit allen Mitteln, bestenfalls aber für den sogenannten friedenssichernden Kampfeinsatz klingt, lautet dementsprechend: „Schickt unsere Truppen für die Freiheit!“ Es bedarf keiner weiteren Interpretation dieser Szene, wenn bedacht wird, dass solche Großproduktionen wie „300“ in erster Linie auf das heimische, amerikanische Publikum abzielen. Snyders Dementi, er habe keinerlei politische Aussagen mit seinem Film treffen wollen, wirkt vor diesem Hintergrund natürlich wenig glaubhaft. Nichts wäre einfacher gewesen, als sich hier an die Vorgaben von Miller zu halten, um jeder Kontroverse aus dem Weg zu gehen.(7) Doch noch mit einer weiteren Anpassung der Vorlage scheint Snyder provozieren zu wollen. Die völlige Überzeichnung der Perser als geradezu bestienartige Mischwesen entspricht in keinster Weise den Bildern von Miller. Hier finden sich weder grausam entstellte Unsterbliche, noch in Ketten gelegte Supermutanten oder gar bizarre Henkersmonster. Auch die bereits erwähnten Nashörner sucht man vergeblich. Einzig die Elefanten finden sich bereits in der Vorlage; eine Konzession an den exotischen Eindruck, den das Heer der Perser auf die Griechen hinterlassen haben muss.(8) Auch Xerxes kann sich im Comic nur aufgrund seiner Hybris für einen Gott halten, während im Film mittels seiner übermenschlichen Größe und der donnernden Stimmlage kaum Zweifel an seiner wie auch immer gearteten Göttlichkeit entstehen. Spätestens an diesem Punkt gerät Snyder in arge Erklärungsnot, hat doch gerade diese Dämonisierung der Perser vielenorts für massive Kritik gesorgt.(9) Der Regisseur rettete sich zunehmend in das Argument, dass der durch den Spartaner Dilios gebotene Erzählrahmen einige Zugeständnisse an den Realismus der Geschichte erlaube, da es sich um eine Lagerfeuererzählung handle, die der Übertreibungen natürlich nicht entbehre.(10) Dennoch kann nach den Intentionen hinter diesen Abweichungen gesucht werden, und es wird schnell klar, dass hier ein Gesamtkonzept umgesetzt wurde, das merklich von demjenigen des Comics abweicht und eine bewusste Abkehr von jeder political correctness unter Begünstigung einer sehr viel deutlicheren Schwarzweiß-Malerei betreibt; mit weit menschlicheren Spartanern und weit monströseren Persern. Solcher Art werden die Grenzen zwischen Gut und Böse auf ganz plakative Weise zementiert, und dem Zuschauer kann kein Zweifel daran bleiben, wem seine Gunst zu gehören hat; eine Wirkung, die, nur getragen von den ethischen Grundsätzen der Akteure, sicherlich verfehlt worden wäre. Wo Miller noch schockieren wollte, möchte Snyder vor allem provozieren. Und so trägt sein Film trotz der wirklich vorlagengetreuen grafischen Umsetzung, die in ihrem Blick für die Motivik des Comics durchaus als gelungen zu bezeichnen ist, in inhaltlichen Belangen doch seine ganz persönliche Handschrift.

[Inhaltsverzeichnis]