3.1 Kämpften die Spartaner nackt?

Thermopyles

Besonderes Aufsehen erlangte „300“ nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass die Spartaner dort in jeder Lebenslage halbnackt über den Bildschirm streifen, so auch in der Schlacht. Was Frauenherzen höher schlagen lässt und so manchen Kritiker zur Beschwörung homoerotischer Untergangsszenarien verleitete,(11) ist dem versierten Kinogänger jedoch kein Neuland; werden Action-Helden alá John Rambo doch seit langem schon auf diese Weise stilisiert und solcherart auch zuverlässig erkannt.(12) Die Männlichkeit der Akteure, welche von dem Zuschauer in keinster Weise angezweifelt werden darf, findet hier nur ihre visuelle Ausgestaltung. Erschreckend neu wirkte also allenfalls die inflationär große Zahl an nackten Helden, die hier nun plötzlich zeitgleich die Leinwand bevölkerten.

Die Antwort auf die eigentliche Frage indes ist einfach: Sie lautet schlicht und ergreifend nein. Es wäre für einen spartanischen Krieger kaum ratsam gewesen, ohne jede Körperpanzerung gegen einen Gegner auszuziehen, der sich vor allem durch seine Kapazitäten im Bereich der Projektilwaffen auszeichnete. So heißt es bei Herodot zur Frühphase der Schlacht von Plataiai:

„Sie [die Spartaner] hielten eine Opferschau für den Kampf gegen Mardonios und seine andringende Heeresmacht. Aber das Opfer war ihnen nicht günstig, und währenddessen fiel eine große Zahl von ihnen und wurden noch viel mehr verwundet. Denn die Perser bildeten eine Brustwehr aus ihren Schildhorden und warfen eine solche Menge von Geschossen, daß die Spartiaten hart bedrängt wurden und Pausanias, da das Opfer nicht günstig ausfiel, seinen Blick auf den plataiischen Heratempel richtete und flehend die Göttin anrief, daß sie doch ja ihre Hoffnung nicht möchte zuschanden werden lassen.“(13)

Die Schilde der Hopliten allein hätten einem konzentrierten Pfeilbeschuss dieser Art wahrscheinlich nicht lange Stand halten können.(14) Es wäre im Kampf mit den Persern also zwingend erforderlich geworden, die exponierten Körperbereiche, aber auch den Oberkörper mit zusätzlichen Schutzmaßnahmen zu versehen, wenn sich dies bei den militärischen Aufgeboten der griechischen Poleis nicht ohnehin schon durchgesetzt hätte, wie vor allem Darstellungen auf zeitgenössischer Tonware belegen.(15) Wir dürfen uns die Spartaner von 480 also durchaus mit Tunika und Brustpanzer vorstellen, so wie sie auch in den anderen Bürgermilizen des hellenischen Kulturhorizontes anzutreffen waren. Gerade mittels ihrer schweren Schutzausrüstung war es den griechischen Hopliten möglich, einen Nachteil durch ihre in der Regel eher saisonal geprägten Kampfkünste zu vermeiden, der Zusammenschluss in der Phalanx, die nur wenig spezialisiertes Geschick im Umgang mit Waffen von ihren Mitgliedern erforderte, somit natürlicher Ausdruck einer von Agrarwirtschaft geprägten Umwelt ohne stehende Heere, in der sich trotz aller Spezialisierung auch die Spartaner bewegten und deren Exponent sie waren.(16)

hoplitodromos

Doch ist die Wiedergabe der heldenhaft nackten Spartiaten nun völlig aus der Luft gegriffen? Worauf basiert die Vorstellung von einer kampferprobten Kriegergesellschaft, deren äußerliche Stilisierung ihren angemessenen Ausdruck geradezu unvermeidlich nur in heroischer Nacktheit finden kann? Wie bereits Victor D. Hanson in seinem Vorwort zum offiziellen Artbook zu „300“ anmerkt, lässt sich auf griechischen Vasen und Reliefs eine reiche Tradition an heroisierten Darstellungen wiederfinden, welche mythologische wie historische Gestalten gerade auch im Kampf völlig unbekleidet abbilden.(17) Es darf vermutet werden, dass solche Eindrücke schon Miller bei der Gestaltung seiner Comic-Helden als Vorlage dienten, was Snyder konsequent aufgriff und im Sinne moderner Körperkultfantasien bis ins Extrem ausreizte.(18) Doch auch abseits des griechischen Kunstverständnisses lassen sich Parallelen ziehen, die den Machern von „300“ in diesem Fall als Argument dienen könnten. So war es für die Griechen selbstverständlich, sportliche Übungen im Freien wie auch im Gymnasion grundsätzlich nackt abzuhalten, was in Sparta auch für die Frauen galt. Herodot berichtet uns, persische Kundschafter hätten die Spartaner vor der Schlacht an den Thermopylen bei eben solchen Übungen beobachtet, die offenbar auch auf Feldzügen regelmäßig abgehalten wurden.(19) So bestünde immerhin eine nicht unbeträchtliche Wahrscheinlichkeit, dass die Perser die Spartaner – zumindest bei dieser Gelegenheit – wirklich einmal nackt zu Gesicht bekamen; auch wenn aus dieser Erkenntnis meines Erachtens nach keine wesentlichen Folgen für unser Geschichtsverständnis abzuleiten sind.

Weiterhin existierte bei den Olympischen Spielen mit dem hoplitodromos ein Wettbewerb, der möglicherweise in Reaktion gerade auf die Begegnung mit der persischen Kampfesweise entstanden war: Während des sogenannten Waffenlaufs waren die Teilnehmer nur mit Helm, Schild und Beinschienen bekleidet, die mit ihrem Gewicht die wesentliche Beschwernis dieser Disziplin bildeten. Wird der den heutigen Moralvorstellungen entsprungene Lendenschurz einmal außer Betracht gelassen, dann sahen die Athleten des Waffenlaufs den Spartiaten aus dem Kino also schon relativ ähnlich. Die Inszenierung der halbnackten Krieger entbehrt dementsprechend nicht jeder Grundlage, sondern beruft sich auf ein der alten griechischen Kultur innewohnendes ästhetisches Prinzip, welches die Überhöhung eines Helden auch an seinem Körper festzumachen pflegte.

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