3.2 Ließ sich Xerxes als Gott verehren?

Xerxes

Die Gestalt des Xerxes ist sicherlich eine der umstrittensten Charakterzeichnungen des Films. Übernatürlich groß, kahlgeschoren und eingedeckt mit Schmuck und Piercings entstammt das Erscheinungsbild zwar direkt der Comicvorlage. Dennoch wird durch die Verzerrung der Stimme des Xerxes eine Qualität geschaffen, die über diejenige der Anspielungen Millers hinausreicht. Der Zuschauer erhält den Eindruck, dass dem persischen König wirklich eine übermenschliche Natur innewohnt. Bequem also, dass sich auch dieser inszenatorische Effekt durch die übertreibende Erzählerperspektive des Dilios marginalisieren ließe. Dessen ungeachtet verweist die häufige Anrufung der Göttlichkeit des Xerxes durch seine Hauptleute auf das Verhältnis, das der Großkönig gegenüber seinen Untertanen zu pflegen scheint. Doch nahm der persische Herrscher wirklich die Rolle eines Gottkönigs in Anspruch?

Gregor Ahn kommt nach einer intensiven Auseinandersetzung mit dieser Frage zu dem Schluss: „Die achämenidischen Großkönige haben sich ihrem Selbstanspruch nach weder als göttliche Wesen noch als Göttersöhne proklamiert. Sie verstanden sich vielmehr als vom Gott Ahuramazda erwählte und ins Königsamt eingesetzte Herrscher.“(20) Tatsächlich weisen vor allem inschriftlich überlieferte Königstitulaturen darauf hin, dass es zu keiner Vermischung der herrschaftlichen Gewalt mit der göttlichen Sphäre kam. Vielmehr herrschte der König durch göttliche Legitimation, die ihn dazu befähigte, die vorgesehene Ordnung der Dinge aufrechtzuerhalten und seine Untertanen zu beschützen. In dieser Funktion war er Mittler zwischen den Welten: „He [the king] was situated at the intersection between the world below and the divine world, which communicated through his intercession.”(21) Diese Rolle nahm der König schließlich auch während eines Feldzuges ein. Durch Gebete und Rituale, die er mit Hilfe seiner magi durchführte, versicherte sich der Herrscher des Wohlwollens des obersten Gottes Ahuramazda, denn allein dessen fortdauernde Präsenz, symbolisiert durch einen leeren Wagen, der dem König voraus fuhr, garantierte das Gelingen des Unternehmens.(22) Der Bericht Herodots über den Marsch der Perser ist gespickt mit Beschreibungen solcher Rituale:

„So machten sie an diesem Tage alles fertig zum Übergang, am zweiten aber warteten sie bis zum Sonnenaufgang und verbrannten inzwischen Räucherwerk aller Art auf den Brücken und bestreuten den Weg mit Myrtenzweigen. Und als die Sonne emporstieg, goß der König einen Trank aus goldener Schale ins Meer und flehte zum Sonnengott, es möchte ihm kein Mißgeschick begegnen, das ihn aufhalten könnte, Europa zu erobern, bis er die äußersten Grenzen des Erdteils erreicht habe. Nach diesem Gebet warf er die Schale in den Hellespont hinab und dazu einen Mischkrug von Gold und einen persischen Säbel, einen sogenannten Akinakes.“(23)

Dieses Beispiel verweist auf eine Form von Segnungsritus für das aufbrechende Heer; ein Segen, der beständig zu erneuern war.(24) Vor Überschreiten des Hellespont hatte Xerxes seine Großen bereits aufgefordert, sich durch Gebete des göttlichen Beistands zu versichern.(25) Anschließend wurden nun der persischen Gottheit in einer morgendlichen Zeremonie Opfer dargebracht, um die Überquerung des Heeres und den weiteren Feldzug unter göttlichen Schutz zu stellen. Herodot spekuliert an dieser Stelle, dass Xerxes möglicherweise auch dem Meer als Buße geopfert habe. Denn nachdem der erste Brückenschlag durch einen Sturm zunichte gemacht worden sei, habe der Großkönig das Gewässer kurzerhand auspeitschen lassen.(26) Die Überheblichkeit des Königs, welche durch solche Episoden zum Ausdruck gebracht wird, ist ein Hinweis auf den eigentlichen Hintergrund für die Stilisierung des Xerxes als selbsternannter Gottkönig. Die Griechen erklärten sich nämlich die schlussendliche Niederlage des übermächtig erscheinenden Gegners als himmlische Strafe für das anmaßende Verhalten des Xerxes, der sich den Göttern gleichzusetzen gesucht habe. Ein Eindruck, der durch Kenntnis um das persische Hofzeremoniell der Proskynese seitens der Griechen nur verstärkt wurde. Denn sich aus Ehrerbietung niederzuwerfen, war eine Huldigung, die nach griechischem Verständnis einem Menschen nicht zustand.(27) Die Überheblichkeit des Xerxes, die Herodot mittels zahlreicher Beispiele geradezu als persönliche Schwäche herausstellt, war dabei bereits seit den „Persern“ des Aischylos durch eine Verbindung mit den Leitmotiven der griechischen Tragödie zum dramatischen Prinzip erhoben worden: der Hybris.

DAREIOS

Sie bleiben, wo die Ebene rings Asopos Flut,
Willkommne Tränkung des Böoterlandes, netzt,
Wo aller Leiden schwerster Schlag noch ihrer harrt,
Der Lohn des Hochmuts und der Gotteslästerung,
Die in Hellas heerend Götterbilder plünderten
und Göttertempel niederbrannten ohne Scheu.
Altäre sind verschollen, ew‘ger Götter Sitz
Ruchlos von Grund aus umgestürzt und umgewühlt.
Drum müssen gleiches, die so übel taten, jetzt
Erwarten und erdulden; noch ist nicht ihr Kelch
Geleert; es bleibt noch eine Neige bittrer Schuld.
Das wird des edlen Perserblutes Opferguß
Vom Speer der Dorer auf Plataiais Felde sein.
Und Totenhügel werden den Nachgebornen bis
Ins dritte Glied noch stummberedte Mahner sein,
Daß nicht zu hoch sich heben soll des Menschen Stolz.
Es setzt der Hochmut aufgeblüht die Ähre an
Der Schuld, die bald zu tränenreicher Ernte reift.
Die jetzt ihr diese Strafe blinden Stolzes saht,
Gedenkt an Hellas, an Athen, und hütet euch,
Der Gegenwart Genuß verschmähend, fremden Glücks
Begierig, umzustürzen eignes größres Glück.
Denn Zeus, ein Rächer allzu kühn aufstrebenden
Hochmutes herrscht er, fordert strenge Rechenschaft.
So lehret ihn denn, der sich beherrschen lernen muß
Mit weisem Rate meinen Sohn, von sich zu tun
Des stolzen Sinnes gottvergeßnen Übermut.(28)

Diese Anmaßung gegenüber dem Göttlichen, das in völligem Gegensatz zur Mittlerrolle des Königs im persischen Weltverständnis steht, hat den Charakter des Xerxes in Kunst und Literatur bis heute geprägt. So auch in Millers Comicumsetzung, auf die sich Snyder letztlich beruft, die er in ihrer Konsequenz aber entscheidend übertrifft.

[Inhaltsverzeichnis]