3.3 Sollte Sparta griechische Führungsmacht unter persischer Oberhoheit werden?

Hoplit

Nachdem die Perser am ersten Kampftag einige Male vergeblich gegen die Reihen der Spartaner angestürmt sind und sich letztere somit wider Erwarten als Problem erweisen, kommt es auf Veranlassung von Xerxes zu einem Treffen zwischen ihm und Leonidas. Die Begegnung der beiden stellt auf subtile Weise den dramatischen Höhepunkt des Films dar. Denn hier stehen sich nicht nur die beiden Könige persönlich gegenüber, sondern zugleich sämtliche Prinzipien und Moralvorstellungen, die in den beiden Akteuren verkörpert werden.(29) So versinnbildlicht das anschließende Wortgefecht das Ringen von Freiheit gegen Tyrannei, Bescheidenheit gegen Luxus sowie Demut gegen Überheblichkeit. Um den Widerstand der Spartaner zu umgehen, unterbreitet Xerxes seinem Gegenüber das Angebot, ihn zum Feldherrn aller Griechen zu ernennen und Sparta auf diese Weise zur mächtigsten aller griechischen Städte zu erheben, sofern Leonidas nur bereit sei, Xerxes‘ Göttlichkeit anzuerkennen und sich ihm mittels Kniefall zu unterwerfen. Leonidas zeigt sich zunächst zwar dankbar, lehnt das Angebot dann jedoch ab mit den Worten, dass ihm das Töten so vieler Perser einen bösen Krampf im Bein verschafft habe und ihm das Niederknien daher im Moment schwerfalle. Die freche Antwort des Spartaners lässt Xerxes in grenzenlose Wut ausbrechen und treibt ihn schließlich dazu, unvorsichtigerweise seine „Unsterblichen“ ins Feld zu führen.

In dieser Episode findet sich das klassische Hollywood-Duell des Helden mit seinem bösen Widerpart realisiert, welches in diesem Fall jedoch nicht mit dem Colt, sondern mit Worten ausgetragen wird. Die Ablehnung eines Angebots, das Sparta zur Vormacht in Griechenland hätte machen können, unterstreicht hier noch einmal die noble Gesinnung, vor allem den Freiheitsdrang des spartanischen Königs, vermittelt indirekt jedoch ebenfalls den Eindruck, dass Leonidas seine Stadt und seine Männer kompromisslos dem eigenen Selbstverwirklichungsstreben opfert. Denn ebenso, wie man es eigentlich nur dem Gebaren seines tyrannischen Gegners zurechnen würde, trifft Leonidas die Entscheidung, das Angebot abzulehnen, ohne jede Rücksprache und ganz allein. Doch basiert das Angebot auf historischen Fakten? Hatten die Perser Pläne, mit den Spartanern als Verbündeten den Rest der Griechen im Handstreich zu unterwerfen? Zunächst gilt es anzumerken, dass sich Leonidas und Xerxes wohl niemals persönlich gegenübergetreten sind. Die einzigen Zeugnisse eines verbalen Austausches zwischen den beiden Königen finden sich in den Apophthegmata des Plutarch unter den Sprüchen des Leonidas. Allerdings ist hier nur von einem Briefkontakt die Rede – sofern die Aussagen überhaupt auf einen zuverlässigen Ursprung zurückgehen. Jedenfalls heißt es hier:

„Xerxes wrote to him, ‚It is possible for you, by not fighting against God but by ranging yourself on my side, to be the sole ruler of Greece.‘ But he wrote in reply, ‚If you had any knowledge of the noble things of life, you would refrain from coveting others' possessions; but for me to die for Greece is better than to be the sole ruler over the people of my race.‘“(30)

Die Szene beruft sich also in der Tat auf eine authentische Quelleninformation. Interessant erscheint hierbei, dass die überlieferte Antwort des Leonidas sich bei Gebrauch nahtlos in das Drehbuch des Films eingefügt hätte. Jahrhunderte der Fremdherrschaft durch Makedonen und Römer hatten bereits zu Plutarchs Zeiten aus der spartanischen eine griechische Angelegenheit werden lassen, so dass die Thermopylen-Episode bald als Projektionsfläche eines allgemeinen Freiheitsbegriffes dienen konnte.(31)

Indes tut sich der Historiker schwer, weitere Hinweise auf ein solches Angebot der Perser zu finden. Wenn wir Herodot hinzuziehen, ergibt sich sogar ein völlig anderes Bild. Seinen Ausführungen zufolge erwiesen sich die Spartaner von Beginn an als vehemente Gegner einer persischen Hegemonialpolitik in der Ägäis und auf dem griechischen Festland, die keinerlei Verhandlungen über die Einschränkung ihrer politischen Autonomie zugänglich waren.(32) Dies spiegelte sich bereits vor dem großen Feldzug des Xerxes in einer Reihe von militärischen Aktionen wider, die möglicherweise dazu dienten, den politischen Einfluss der Perser zurückzudrängen.(33) Folglich traten nach der Schlacht von Salamis auch nicht die Spartaner, sondern die Athener als mögliche Alliierte in den Mittelpunkt des persischen Interesses. Herodot überliefert, dass die Athener vor der Schlacht von Plataiai zwei Angebote von Mardonius erhielten, sich mit den Persern zu verbünden.(34) Zwar sollten sie dafür nicht die Vormachtstellung in Griechenland erhalten, aber immerhin Land ihrer Wahl als zusätzlichen Besitz erlangen. Während die Spartaner die Ablehnung der ersten Offerte noch genauestens überwacht hatten, schenkten sie der zweiten persischen Initiative offenbar weniger Aufmerksamkeit, da sie mittlerweile die Absperrung des Isthmos von Korinth mit einer Schutzmauer und damit die Sicherung ihres eigenen Territoriums erfolgreich beendet hatten. Die Athener sahen sich also gezwungen, das Angebot noch einmal öffentlich zu überdenken:

„Ihr Lakedaimonier sitzt still zu Hause, feiert die Hyakinthien, treibt Kurzweil und habt eure Bundesgenossen betrogen. So werden die Athener, weil sie hintergangen worden sind und sich vergeblich nach Bundesgenossen umsehen, sich mit dem Perser vergleichen, wie sie können. Haben wir uns aber verglichen, so werden wir ja Bundesgenossen des Königs und werden mit ihnen ausziehen, wohin sie uns führen. Ihr aber werdet dann erfahren, was euch daraus entsteht.“(35)

Es ist fraglich, ob die Spartaner sich wirklich solcherart zögerlich zeigten, zumal die Isthmos-Strategie heute von vielen Historikern in Zweifel gezogen wird.(36) Dennoch demonstriert diese Episode, dass wir uns das antipersische Bündnis einiger griechischer Städte nicht als eine Form von nationaler Freiheitsbewegung vorstellen dürfen, sondern als fragiles Gebilde politischer Allianzen, dessen Verstrebungen immer wieder zurechtgerückt werden mussten. Das wussten auch die Perser. Und daher ist es zumindest nicht ausgeschlossen, dass irgendwann während der Perserkriege auch den Spartanern einmal ein Bündnisangebot unterbreitet wurde, wenngleich uns stichhaltige Beweise hierfür fehlen und das überlieferte Verhalten der Spartaner dem widerspricht.

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