3.4 War der Verräter Ephialtes ein verstoßener Spartaner?

Die Unersterblichen

Das Drama ist nahezu perfekt: Ein Spartaner, der aufgrund seiner angeborenen Missbildungen eigentlich als Säugling von den Ältesten seiner Sippe für unwürdig befunden und dem Tod überlassen worden wäre, jedoch durch die Liebe seiner Eltern gerettet wurde, kehrt nach Jahren des Unbills aus dem Exil zurück, um im entscheidenden Moment an der Seite seines Volkes zu kämpfen und gegebenenfalls zu sterben. Der spartanische König aber lehnt das noble Ansinnen ab, worauf der deformierte Mann in Jähzorn ausbricht und seine Resozialisierung lieber in Diensten der Perser verwirklicht sieht. Um den Preis einer Uniform verrät er die Stellung seiner Landsleute, so dass sich diese gezwungen sehen, aufgrund wenig flexibler Verhaltensvorschriften in den nahezu sicheren Tod zu gehen. Der Name des Verräters ist Ephialtes und sein Verrat besteht darin, den Persern einen Pfad gezeigt zu haben, der es ihnen möglich machte, die Sperrstellung der Spartaner bei den Thermopylen zu umgehen.

Das Argument, mit welchem Leonidas die Bitte des Ephialtes ablehnt, klingt dabei zunächst recht plausibel. Da er wegen seiner Behinderung den Schild nicht hochhalten könne, sei Ephialtes nicht geeignet, in der geschlossenen Formation der Phalanx zu kämpfen, welche die eigentliche Stärke der Spartaner darstelle. Möglicherweise hätte sich der vereinsamte Exilant von der bestechenden Logik des Königs überzeugen lassen, wenn Leonidas nicht höchstpersönlich bei der erstbesten Gelegenheit aus der von ihm so hochgeschätzten Formation ausbrechen würde, um einige akrobatische Kampfeinlagen in der seit „Matrix“ so inflationär gebrauchten „bullet cam“-Zeitlupenansicht abzuleisten. Am Ende jedenfalls bleibt dem Zuschauer nichts anderes übrig, als das Fazit zu akzeptieren, dass die Spartaner bei den Thermopylen wohl gesiegt hätten, wenn ihr selektives Geburtenkontrollsystem nur konsequent gegriffen hätte: eine zutiefst beunruhigende Moral.

Die in den Quellen nachweisbaren Umstände des „Verrats“ fallen demgegenüber weit weniger dramatisch aus: Nachdem die Griechen zwei Tage lang erfolgreich die Stellung in dem Engpass hatten halten können, so berichtet Herodot, habe sich ein malischer Grieche aus Trachis, eben jener Ephialtes, wohl gegen Belohnung bereitgefunden, den Persern einen Umgehungspfad zu zeigen, den sogenannten Anopaia-Pass.(37) Offenbar kommt er aber nicht als einzig mögliche Person in Betracht, welche die heikle Information weitervermittelt haben könnte. Denn Herodot berichtet weiter:

Es gibt aber auch noch eine andere Erzählung, daß nämlich Onetes, Phanagoras’ Sohn aus Karystos, und Korydallos aus Antikyra dem König jenen Fußpfad verraten und den Persern den Weg durch das Gebirge gezeigt hätten. Doch scheint mir dies wenig wahrscheinlich. Denn einmal muß man dabei bedenken, daß die hellenischen Pylagoren – und die mußten es doch am sichersten wissen – nicht auf Onetes’ und Korydallos’ Leben einen Preis gesetzt haben, sondern auf das des Epialtes aus Trachis. Und zum anderen wissen wir, daß Epialtes aus diesem Grund geflohen ist. Onetes, obwohl er kein Malier war, mag freilich auch von dem Fußpfad gewusst haben, sofern er sich in der Gegend viel umgetan hatte; aber Epialtes ist der Mann, der sie auf dem Pfad durch das Gebirge geführt hat, und darum nenne ich diesen als den Schuldigen.(38)

Die Passage wirft ein helles Licht auf die Art und Weise, wie Herodot seine historischen Urteile entwickelt. Dennoch sind seine Anmerkungen nicht einfach von der Hand zu weisen. Offenbar hatte ein Ephialtes etwas getan, das nicht nur die Gesandten der delphischen Amphiktyonie veranlasste, ein Kopfgeld auf ihn auszusetzen, sondern auch die Spartaner bewog, die Belohnung auszuzahlen, als ein gewisser Athenades den Landsmann im Streit erschlug. Das Verbrechen dieses Ephialtes mit dem Verrat bei Thermopylae zu erklären, kann allerdings nicht abschließend befriedigen, da die Perserkriege nicht als Freiheitskampf einer griechischen Nation zu deuten sind und somit ein Grieche nicht zwangsläufig als Verräter zu gelten hatte, wenn er sich der persischen Seite anschloss. Tatsächlich dienten im Heer des Xerxes und vieler späterer Perserkönige zahlreiche griechische Kontingente.(39) Andererseits deuten die Ereignisse nach der Schlacht von Plataiai darauf hin, dass die Spartaner unter Pausanias eine massive Vergeltungspolitik gegenüber den führenden griechischen Perserfreunden fuhren.(40) In der Forschung begnügt man sich in jüngerer Zeit ohnehin damit, Herodot enger auszulegen und dem „Verräter“ von Thermopylae allenfalls die Rolle eines Bergführers zuzuschreiben, der die Perser nur über einen Pfad leitete, den sie bereits selbst ausfindig gemacht hatten.(41) Somit bleibt festzuhalten, dass ein Ephialtes möglicherweise dem persischen Heer gegen die Griechen 480 v. Chr. zur Hand ging, ein verstoßener Spartaner war er jedoch nicht. Dessen ungeachtet blieb sein Name emblematisch: „His name, Ephialtes, has gone down in infamy: ephialtis is today the modern Greek word for ‚nightmare‘.(42)“

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