3.2 Gottessohnschaft und Hybris

Ein weiterer Konfliktherd im Film ist Kleitos’ Vorwurf, Alexander habe sich in einen Wahn hineingesteigert, durch welchen er sich nun für einen Gottessohn halte und seinen wahren Vater, Philipp, verleugne. In den Quellen findet sich dieser Vorwurf bei Plutarch: „,[...] daß du dich zum Sohn des Ammon machen willst und deinen Vater Philipp verleugnest.’“(9), in der Forschung bei Demandt und Wiemer.(10)

Übermütig geworden betont Kleitos im Film, er habe Alexander am Granikos das Leben gerettet, was dieser ihm nun zürne. Zudem zürne Alexander jedem, der einen Schatten auf seinen Ruhm werfen könnte. Von sich selbst im höchsten Maße eingenommen, behauptet Alexander, kein Sterblicher könne einen Schatten auf seine ruhmreichen Taten werfen. Kleitos widerspricht, dass Tote es könnten und sogar täten und nennt in diesem Zusammenhang Philipp, Attalos und Parmenion. Er lobpreist Philipp und macht Alexander den Vorwurf: „Jeden von uns, der dir geholfen hat, hast du bei Seite gestoßen. Sogar deinen Vater!“(11) Des Mordes an seinem Vater bezichtigt, verliert Alexander die Beherrschung und versucht nach einer Waffe zu greifen. Die umstehenden Hetairen halten ihn vorsorglich zurück, woraufhin der König brüllt: „Lasst mich los. Bin ich Dareios, dass ich Gefangener meiner Freunde sein soll?“(12) Auch der Authentizitätsgehalt dieses Ausspruchs kann durch Quellen belegt werden.

Alexander schrie, „es sei mit ihm nun wohl schon so weit gekommen wie mit Dareios, als dieser von Bessos gefangen und verschleppt wurde [...].“(13) (Arrian)

Alexander beschwor die Soldaten bei ihrem Eid und rief, er werde von seinen nächsten Vertrauten ergriffen, wie es vor kurzem Dareios ergangen sei.“(14) (Curtius Rufus)

Die für diese Arbeit konsultierte Forschungsliteratur schweigt hierüber.

Im weiteren Disput gebietet Alexander Kleitos zu schweigen. Doch dieser will sich nicht den Mund verbieten lassen. Er bezeichnet sich als freien Mann, dem Alexander nicht wie einem Sklaven Befehle erteilen könne. Diese Stelle findet sich auch bei Plutarch:

Kleitos jedoch gab nicht nach, sondern rief, Alexander solle ihn offen heraussagen lassen, was er wolle, oder er solle nicht freie Männer, die ein freies Wort redeten, zu sich laden, sondern unter Barbaren und Sklaven leben [...].“(15)

Erregt betont Kleitos in der Filmszene, dass viele Makedonen ihr Leben für Alexanders Erfolge gelassen hätten, dass dieser allerdings die Siege als seine alleinige Tat verbuchen würde.

Die beschriebene Filmszene hat einige Übereinstimmungen mit den Texten von Curtius Rufus, Arrian und Plutarch. In Curtius Rufus’ Alexandergeschichte finden die Taten Philipps und Parmenions Erwähnung. Ebenso betont Kleitos dort die Taten des makedonischen Heeres.(16) Arrian schildert Kleitos’ Ärger darüber, dass Alexander allen Ruhm für sich beansprucht, obwohl doch die Makedonen so viele Taten vollbracht haben.(17) Selbiges tradiert auch Plutarch in seiner Alexanderbiographie: „[...] durch das Blut der Makedonen [...] bist du so groß geworden [...].“(18) Arrian und Plutarch berichten übereinstimmend, Kleitos habe betont, er sei es gewesen, der Alexander am Granikos das Leben gerettet habe.(19)

Etwas abweichend von der Filmhandlung erfahren wir von Curtius Rufus und Iustinus, dass Alexander seine eigenen Taten rühmend erwähnte, die seines Vaters jedoch herabsetzte und auf diese Weise in Kleitos, einem treuen Anhänger des Philipp, Zorn erregte.(20)

Die Forschungsliteratur belegt, dass Alexanders Streben nach Größe und sein von Hybris geprägter Anspruch, als alleiniger Sieger zu gelten, bei vielen Zeitgenossen auf Unmut und Verärgerung stießen. Wiemer legt dar, Kleitos habe Alexander vorgeworfen, dieser habe vergessen, was er ihm und den Makedonen verdanke.(21) Laut Demandt bewertete Kleitos die Leistungen Philipps höher als diejenigen Alexanders, was wiederum zum Streit führte, da Alexander sich in seiner Ehre gekränkt fühlte.(22)

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