4. Alexanders Reue – Ein Selbstmordversuch?

Als Kleitos im Film mit einer Lanze im Rücken zu Boden geht, treten bei Alexander Reue und Fassungslosigkeit an die Stelle des Zorns. Er schreit aufgebracht „Geh jetzt zu Philipp, Attalos und Parmenion!“(29) Genau dieser Ausruf ist bei Curtius Rufus zu finden und demnach nicht fiktiv.(30) In der Filmszene wird Alexanders Stimme von Name zu Name leiser und kraftloser. Das Ausmaß seiner Tat begreifend, kniet er neben Kleitos nieder, drückt den leblosen Leichnam an sich und beweint den Tod des Freundes.

Übereinstimmend berichten Curtius Rufus, Arrian, Plutarch und Iustinus, dass Alexander nach dem Mord an Kleitos Reue zeigte.(31) Ebenso wie in der Filmszene erkennt Alexander, nachdem sein Jähzorn verraucht ist, welch schreckliche Tat er in Zorn und Rausch ausgeführt hat.

Doch wie sieht es mit dem Selbstmordversuch aus? In der Tat referieren alle vier Historiographen über Alexanders Versuch, sich mit derselben Waffe das Leben zu nehmen, durch die auch Kleitos seines verlor.(32)

Ein Blick in die Forschungsliteratur zeigt, dass weder Gehrke noch Wiemer oder Will es als nötig erachteten, den Selbstmordversuch Alexanders zu erwähnen. Wiemer betont allerdings, dass Alexander die Tat auf der Stelle bereut haben soll.(33) Will hingegen bezweifelt die aufrichtige Reue Alexanders und glaubt vielmehr, dass seine bestürzte Reaktion „geprägt war [...] von der Sorge um die möglichen Folgen, Ansehensverlust in Heer und Hetairenrat, Verachtung und Kritik der makedonischen bzw. griechischen Öffentlichkeit [...].“(34) Wahrscheinlich stützte Will sich auf Iustinus als Quelle:

Dann bedachte er [Alexander] bei sich, welches Gerede und welchen üblen Ruf er in seinem Heer und bei den besiegten Völkern, wie viel Furcht und Haß bei all seinen übrigen Freunden er gegen sich herauf beschworen [...] habe [...].“(35)

In diesem Zusammenhang wundert es nicht, dass Will kein Wort über einen vermeintlichen Selbstmordversuch Alexanders verliert. Auch bei Gehrke ist von einem Selbstmordversuch nichts zu lesen, doch er ist von der Reue Alexanders überzeugt. Denn er schiebt den blutigen Ausgang der Auseinandersetzung auf die verminderte Zurechnungsfähigkeit der beiden erzürnten Streithähne aufgrund des Alkoholkonsums.(36) Demandt sieht dies ebenso.(37) Er ist zudem der Einzige, der den Selbstmordversuch des makedonischen Königs thematisiert:

„Sofort nach der Tat gingen Alexander die Augen auf über das, was er angerichtet hatte. Mit der gleichen Heftigkeit, mit der er soeben gehandelt hatte, packte ihn nun die Reue. Er wollte die Waffe gegen sich selber wenden und wurde von seinen Gefährten abgehalten.“(38)

Fraglich bleibt, weswegen der Selbstmordversuch in der Forschung so wenig Beachtung fand, wo doch alle vier Historiographen, die von der Kleitos-Katastrophe berichten, diesen Aspekt nicht ausließen.(39) Der Grund für die Thematisierung des Selbstmordversuchs im Film ist klar: Er dient als dramatisches Element und lässt sich wesentlich spannender darstellen, als einen trauernden Alexander isoliert in seinem Zelt sitzend zu zeigen. Ein solches Bild passt nicht zu Alexander dem Großen.

[Inhaltsverzeichnis]