2.1 Ist die Charakterdarstellung der Olympias authentisch?

Philipp II.

Oliver Stone präsentiert seinem Publikum in Alexander eine Olympias, deren Charakter von Beginn an stark betont wird. Olympias wird im Film als extrem herrschsüchtig und skrupellos dargestellt. In verschiedenen Szenen hetzt Olympias ihren Sohn gegen den Vater Philipp auf, drängt ihn dazu, schnellstmöglich eine Makedonin zu heiraten, um somit seine eigene Thronfolge zu sichern. War Olympias wirklich dazu im Stande, ihren Sohn gegen dessen eigenen Vater aufzuhetzen? Hierzu berichtet uns Plutarch:

Aber die Störung des Familienlebens [...] bewirkte viele gegenseitige Vorwürfe und schwere Streitigkeiten, welche die Heftigkeit der Olympias, einer eifersüchtigen und tief leidenschaftlichen Frau, noch dadurch verschlimmerte, dass sie Alexander aufhetzte.(5)

 Es wird also deutlich, dass Olympias wirklich Alexander gegen Philip aufbrachte und Streitigkeiten in der Familie schürte. Der Forscher Wiemer betont, dass „das Verhalten der Mutter Alexanders aus den Gegebenheiten einer polygamen Monarchie ohne feste Erbfolgeregelung heraus zu verstehen“(6) ist. So war ihre Stellung am königlichen Hof sehr ungewiss und auf Grund der vielen Ehen des Philipps war Olympias ständiger Konkurrenz ausgesetzt. Der einzige Weg, ihren Vorrang aufrecht zu erhalten, war die Sicherung der Thronfolge Alexanders. Sie konnte sich angesichts der vielen Nebenfrauen nicht darauf verlassen, dass ihre Persönlichkeit allein ausreichte, um die Gunst des Königs zu bewahren. Aus diesen Gründen scheint es nahe liegend, dass Olympias alles daran setzte, ihren Sohn auf ihre Seite zu ziehen, und sich zum Ziel setzte, Alexanders Thronfolge zu sichern.

Im Film wächst Olympias Skrupellosigkeit ins Unermessliche: So erwähnt auch der Erzähler im Film, Ptolemaios, dargestellt von Antony Hopkins, dass Olympias nach dem Tod Philipps dessen jüngste Frau Kleopatra und ihr gemeinsames Kind ermorden ließ, um somit einen möglichen Konkurrenten auf die Thronfolge auszuschalten. Dass Alexanders Thronfolge Olympias wichtigstes Ziel war, und sie auch bereit war, dafür alles Erdenkliche zu tun, wird in den antiken Quellen tatsächlich bestätigt. So berichtet Justin:

Nachher zwang sie [Olympias] Kleopatra, welche sie ja aus ihrer Ehe mit Philipp verdrängt hatte, ihr Leben mit dem Strick zu beenden, nachdem sie noch vorher deren Tochter im Schoße der Mutter getötet hatte. Und indem sie sich am Anblick der Erhängten weidete, genoß sie in vollen Zügen die Rache, auf die sie es durch den Mordplan gegen ihren Mann von vornherein abgesehen hatte.(7)

Der skrupellose Charakter der Olympias wird auch in der Sekundärliteratur bestätigt. So bewertet Siegfried Lauffer die historische Olympias ähnlich der filmischen Darstellung: „Olympias, eine der großen Frauen der Geschichte, war von leidenschaftlichem Charakter. [...] Sie war von stärksten Gefühlen getrieben, selbstbewusst und stolz, für ihre Umgebung unberechenbar, religiös exaltiert, durch ihre Herrschsucht gefährlich, im Hass und in der Rache furchtbar.“(8) Olympias rachsüchtige Züge werden demzufolge im Film sehr authentisch und historisch genau dargestellt. Doch Hans Ulrich WIEMER gibt zu bedenken, dass das negative Bild der Olympias „von männlichen Stereotypen geprägt ist, mit denen unsere Quellen Frauen beschrieben, die tatsächlich oder vermeintlich in Männerdomänen eindringen, insbesondere indem sie politische Macht ausüben.“(9) Es kann also durchaus sein, dass Olympias so negativ und als herrschsüchtig beschrieben wurde, weil „sie als Frau tat oder angeblich tat, was nur Männern zustand.“(10) Schenkt man aber den antiken Quellen Glauben, so werden Olympias rachsüchtige Züge im Film Alexander sehr authentisch und historisch genau dargestellt.

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