2.3 Wie war Olympias’ Beziehung zu Philipp?

Alexander

Im Film Alexander wird das Verhältnis zwischen Olympias und ihrem Mann Philipp von Beginn an als sehr kühl dargestellt.  So zeigt eine Szene den jungen Alexander im Schlafzimmer der Olympias, in der man sieht, wie Olympias langsam eine Schlange an Alexander heranführt und diesem von der Bedeutung des Tieres und seiner edlen Herkunft berichtet. Im selben Moment kommt der betrunkene Philipp in Olympias Gemach und beschuldigt sie, Alexander zu sehr mit ihren mythologischen Hirngespinsten zu beeinflussen. Da Olympias in keiner Weise Einsicht zeigt und ihren Gatten noch weiter provoziert, wird dieser sogleich handgreiflich. „Er wird niemals dir gehören!“, schreit Olympias, als die Gewalttätigkeit ihres Mannes zu eskalieren droht. Darüber hinaus wird die generelle Beziehung zwischen Olympias und ihrem Gatten durch den Film dramatisiert. In den antiken Quellen sind wenige Äußerungen über ihr Verhältnis zueinander zu finden. Ausnahmen sind lediglich für Philipps letzten zwei Lebensjahre zu finden, in denen sich die Rahmenbedingungen, vor allem in Bezug auf Alexanders Thronfolge verändert haben. Dass die Beziehung durchaus kühl war, bestätigt auch Plutarch:

Auch sah man einmal, während Olympias schlief, wie eine Schlange sich neben ihrem Leibe ausstreckte, und dies, so sagt man, kühlte besonders die Liebe und Zuneigung Philipps ab, so dass er nicht mehr oft zu ihr ging, um an ihrer Seite zu ruhen, sei es dass er daraufhin irgendwelche Behexung und Bezauberung von der Frau fürchtete oder dass er sich vor dem Verkehr mit ihr scheute, weil sie mit einem Mächtigeren verbunden sei.(17)

Ein allübergreifender Hass zwischen Olympias und Philipp, wie er im Film dargestellt wird, kann allerdings durch antike Quellenstellen nicht belegt werden. Auch fehlen Belege für die sexualisierte Gewaltbereitschaft von Philipp. Zwar wird er in den Quellen zum Teil als ein Herrscher beschrieben, der trinkt und auch zu Gewalt neigt, aber ein Hinweis auf sexuelle Gewalt seinerseits fehlt.

Im Film wird Olympias sogar in Zusammenhang mit Philipps Tod gebracht. So ist sie diejenige, die überhaupt nicht bestürzt über den Tod ihres Mannes ist. Im Gegenteil, sie wird sogar so dargestellt, als käme ihr der Tod sehr gelegen bzw. als hätte sie ihn sogar selbst inszeniert. Die große Frage ist, ob Olympias wirklich so weit ging, ihren Mann vom Attentäter Pausanias töten zu lassen. Diese Frage wird im Film oft thematisiert, aber nie eindeutig beantwortet. Es ist wahrscheinlich, dass Oliver Stone diese Frage nicht konkret beantwortet, da auch die Quellenlage kein eindeutiges Urteil zulässt. Beispielsweise Justin erläutert die Sachlage wie folgt:

„Auch wurde geglaubt, er [Pausanias] habe im Auftrag der Olympias, der Mutter Alexanders, gehandelt, und nicht einmal Alexander selbst sei ohne Kenntnis des Mordplanes gegen seinen eigenen Vater gewesen; denn Olympias sei über ihre Verstoßung und darüber, dass Kleopatra ihr vorgezogen war, nicht weniger gekränkt gewesen als Pausanias über die ihm angetane Schändung.“(18)

Justin lässt außerdem keinen Zweifel daran, dass Olympias dem Attentäter zumindest ein Pferd zur Flucht bereitgestellt hat.(19) Auch in der Forschung wird davon ausgegangen, dass Olympias zumindest mit dem Mord an Philipp einverstanden war, denn sie ließ dem ermordeten Attentäter einen Grabhügel errichten und brachte ihm öffentlich ein Totenopfer dar.(20) „Stones Olympias steht in keiner erkennbaren Beziehung zu Pausanias, doch sitzt sie lauernd wie eine Katze in der Prohedrie des Theaters. Ihr scharlachrotes Kleid ist optisches Zeichen, das keiner Worte bedarf.“(21) Im Film wird also nicht ganz klar, ob Olympias wirklich am der Ermordung des Philipp beteiligt war. Insgesamt ist zu sagen, dass Stone das Problem sehr elegant löst, indem er Olympias im Film nicht direkt als Mörderin darstellt. Auch hier wurde die Quellenlage beachtet, und die Darstellung ist als authentisch zu bezeichnen.

In einem Punkt widersprechen sich filmische Darstellung und Quellenlage allerdings ein wenig: Im Film geht Alexander sofort davon aus, dass seine Mutter am Tod Philipps verantwortlich ist. Er rennt in ihre Gemächer und schreit sie voller Hass an. Es wird also dargestellt, dass Alexander nichts von den angeblichen Mordplänen seiner Mutter wusste. Doch in diesem Aspekt widersprechen sich auch die antiken Quellen. Stone entschied sich dazu, Alexander im Film als nichts ahnenden Sohn darzustellen, der über den Tod seines Vaters sehr bestürzt ist. Der Regisseur geht also gar nicht darauf ein, dass in den antiken Quellen durchaus auch die Rede davon ist, dass Alexander zu den Verdächtigen gehörte. Insgesamt ist die Lösung Stones aber historisch durchaus als legitim zu bezeichnen, da sich die Autoren der antiken Quellen über Philipps Tod generell nicht ganz einig sind. Natürlich hatte Alexander ein Motiv, denn sein Vater war in den Vierzigern und „er konnte durchaus noch längere Zeit regieren, so lange, bis ein neuer Thronfolger herangewachsen war. Und dann wäre Alexander nur noch der Bastard von der wilden Epirotin gewesen!“(22) Indem Stone Alexander als unwissend darstellt, kann hierdurch noch stärker betont werden, wie sehr der junge König seiner Mutter ergeben war und sogar die – eventuell von Olympias angestiftete – Ermordung seines Vaters duldete.

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