2.4 Hatten Olympias und Alexander ein sehr inniges Verhältnis?

Im Film Alexander wird die enge Beziehung zwischen Alexander und seiner Mutter Olympias stark betont. Es wird dargestellt, dass Mutter und Sohn immer zueinander stehen, sich gegenseitig verteidigen und ein Leben lang emotional miteinander verbunden sind. Im Film sagt Olympias zu Alexander: „Du bist alles, was mir je etwas bedeutet hat.“ Außerdem wird die liebevolle Beziehung zwischen Mutter und Sohn auch durch sanfte Hintergrundmusik betont. Sobald Olympias und Alexander zusammen sind, setzt eine sehr klassische und friedliche Musik ein, was einen starken Kontrast zu der sonst so kriegerischen und pompösen Hintergrundmusik darstellt. Olympias Präsenz ist im Film selbst dann zu spüren, wenn sie gar nicht anwesend ist. So stellt Roxane, Alexanders Frau, eine Art Abbild der Olympias dar.(23)

Alexander spürt während seiner Feldzüge die ständige Bindung zu seiner Mutter. So sagt Hephaistion zu Alexander: „Ich frage mich manchmal, ob es nicht deine Mutter ist, vor der du wegrennst.“ Daraufhin entgegnet Alexander: „Bin ich nicht der Spiegel ihrer zerbrochenen Träume?“ Hier wird also klar, dass Olympias, obwohl sie physisch gar nicht in Alexanders Nähe ist, doch auf ihn einwirkt und dass der junge König sich von seinen Gefühlen zur Mutter in gewisser Weise leiten lässt. Generell scheint es im Film, als seien die beiden durch ein sehr enges emotionales Band miteinander verbunden. Doch war das auch in Wirklichkeit so?

Auch die antiken Quellen betonen die sehr enge Beziehung zwischen Alexander und Olympias. So schreibt Alexander zum Beispiel in einem Brief an seine Mutter, „es seien ihm einige geheime Weissagungen zuteil geworden, die er nach der Heimkehr ihr allein mitteilen werde.“(24) Hieran ist zu erkennen, dass seine Mutter wirklich eine seiner engsten Vertrauten war. Er vertraute sich ihr an und ließ sie an seinen Entscheidungen stets teilhaben.

Wie im Film Alexander stark hervorgehoben wird, versucht Olympias Alexander sowohl in privaten, als auch in politischen Entscheidungen zu beeinflussen. So wird in einer Szene ein Brief angesprochen, in dem Olympias ihren Sohn dafür kritisiert, dass er seine Vertreter im makedonischen Reich unbedacht wähle und mit Reichtümern beschenke. Hier erwähnt sie, dass sie sich von ihm im Stich gelassen fühle und darauf warte, von Alexander nach Babylon gebracht und zur Königin gemacht zu werden. Daraufhin bewertet Alexander Olympias’ Erwartungen im Film seinem besten Freund Hephaistion gegenüber als übertrieben. Plutarch berichtet auch von einem solchen Brief, in dem Olympias die Gönnerhaftigkeit ihres Sohnes seinen Nahestehenden gegenüber kritisiert:

„[...] jetzt aber machst du sie alle Königen gleich und setzest sie instand, viele Freunde zu haben, dich selbst aber entblößt du.“(25)

Auch wenn die Beziehung zwischen Alexander und seiner Mutter als sehr innig dargestellt wird, so traf er seine Entscheidungen letztlich doch immer selbst. Sowohl auf die Heiratsvorschläge, als auch auf politische Ratschläge geht Alexander nicht ein. Wie von Plutarch geschildert, herrschte zwar ein regelmäßiger Kontakt während Alexanders Feldzüge, wie zum Beispiel das Schicken von Geschenken, er „duldete aber nicht, dass sie sich in die Regierungs- und die militärischen Angelegenheiten einmischte, und ertrug die heftigen Vorwürfe, die sie ihm deshalb machte, mit Ruhe.“(26)

Im Film wird mehrfach angedeutet, dass Olympias als Nicht-Makedonin am königlichen Hof nur geduldet, nicht aber akzeptiert wird. Besonders die feindselige Haltung des Attalos ihr gegenüber wird im Film mit der Hochzeits-Szene verdeutlicht. So hält Attalos zum Beispiel eine Rede zur vorausgegangenen Vermählung zwischen Philipp und seiner Tochter Kleopatra, in der er Alexander indirekt als Bastard bezeichnet und somit auch Olympias tief beleidigt. Alexander lehnt sich allerdings dagegen auf und verteidigt somit seine Mutter.

Diese Szene wird auch einheitlich von den antiken Autoren beschrieben und ist somit als authentisch zu bewerten. Alexander trat also auch öffentlich immer für seine Mutter ein. In Wirklichkeit verließen Mutter und Sohn nach der Hochzeit Philipps mit Kleopatra sogar aus Zorn den makedonischen Hof und gingen nach Epirus.(27) Alexander duldete also die Kränkung seiner Mutter nicht und stand wirklich auf ihrer Seite. Plutarch berichtet uns außerdem von einem Brief des Antipatros an Alexander, in dem Olympias stark angegriffen wurde:

„Nur einmal, als Antipatros einen langen Brief voll von Anklagen gegen sie [Olympias] geschrieben hatte, sagte er [Alexander] nach dem Lesen, Antipatros wisse wohl nicht, dass eine einzige Träne einer Mutter tausend Briefe wegwische.“(28)

Ungeachtet dessen, wie heftig die Angriffe und Vorwürfe gegen seine Mutter auch waren, Alexander stand stets zu Olympias, ließ sie nicht im Stich. Auch Curtius Rufus berichtet uns von der unermesslichen Liebe des Alexander für seine Mutter:

„[...] es wird für mich der größte Erfolg meiner Mühen und Anstrengungen sein, wenn man meine Mutter Olympias zu einer unsterblichen Göttin erhebt, wenn sie irgendwann einmal aus dem Leben scheidet. Dafür werde ich, wenn es mir erlaubt ist, selbst sorgen; wenn mich das Geschick vorher hinwegrafft, so erinnert euch daran, dass ich es euch aufgetragen habe.“(29)

Es gilt als gesichert, dass Olympias als Epirotin einige Feinde im makedonischen Adel hatte und dass sowohl ihre Stellung, als auch die ihres Sohnes durch die Nebenfrau und deren Sohn gefährdet war.(30) Dadurch, dass Olympias nur eine der Frauen Philipps war, konnte sie sich nie sicher darüber sein, ob auch wirklich ihr Sohn zum Thronnachfolger würde. „Mutter und Sohn waren unter diesen Bedingungen auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen und bildeten daher eine verschworene Gemeinschaft.“(31) Alexander „bewahrte zeitlebens, auch in fernen Ländern eine bemerkenswert starke Bindung an seine Mutter, der er Briefe schrieb und die er in manchen persönlichen Fragen als seine einzige Vertraute ansah.“(32) Oliver Stone gelingt es sehr gut, das sehr innige Verhältnis von Olympias und Alexander darzustellen, und auch hier ist zu sagen, dass die historischen Quellen zum größten Teil stark beachtet wurden und die Darstellung dadurch historisch als genau zu bezeichnen ist.

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