3.6 Sieht Konstantin ein leuchtendes Kreuz am Himmel in der Nacht vor der entscheidenden Schlacht, und ist er ab 312 ein überzeugter Christ?

Maxentius

Darstellung im Film:

In der Nacht vor der entscheidenden Schlacht liegt Konstantin in seinem Zelt auf einer Pritsche und hört auf einmal Gottes Stimme, die ihm folgendes sagt „Er wird kommen. Er wird kommen.“ Danach stürmt er erschrocken aus dem Zelt und blickt direkt zum Himmel. Dabei sieht er am Himmel eine Lichterscheinung, die sich nach und nach zu einem Kreuz heraus materialisiert. Von diesem Ereignis berührt und geprägt wird Konstantin selbst zum überzeugten Christen und lässt noch in der Nacht vor der Schlacht an den Uniformen seiner Truppen die römischen Staatssymbole durch christliche Zeichen ersetzen. Am frühen Morgen verlässt er sein Lager und lockt dadurch seinen Gegner Maxentius in einen Hinterhalt.

Diese Stelle soll anhand der zeitgenössischen Schriften von Laktanz, Eusebius, des Panegyricers Nazarius und eines unbekannten Panegyricers überprüft werden. Da es sich um einen vorgeblich göttlichen Akt handelt, kann keine Analyse des tatsächlichen Ereignisses durchgeführt werden. An dieser Stelle soll nicht die Existenz von Gott bewiesen oder verneint werden. Vielmehr soll der Fokus auf Erklärungsansätzen der Forschung über das Berichtete liegen.

Quellenlage und Urteil:

Dieser Punkt gehört zu den am heftigsten diskutierten Aspekten in der Konstantinforschung und soll einen Schwerpunkt in der vorliegenden Analyse darstellen. In dieser Szene laufen zwei Kernfragen der Konstantinforschung zusammen: 1. War Konstantin ein vollständig überzeugter Christ? 2. Wenn ja, ab wann lässt sich ein Ablegen des Glaubens an die römischen Staatsgötter und die Annahme des christlichen Glaubens belegen?

Bevor dieser wichtige Punkt der Forschung behandelt wird, soll zunächst die „Vision Konstantins“ in den Fokus der antiken Betrachtung rücken. Dazu sei noch einmal gesagt, dass es hier nicht möglich ist zu überprüfen, ob Gott nun tatsächlich den Kontakt zu Konstantin gesucht hat. Untersuchungsschwerpunkt ist ein Lichtphänomen, das von Konstantin scheinbar als göttliche Botschaft interpretiert wurde.

Zu diesem Sachverhalt gibt es einige zeitgenössische literarische Quellen, die helfen sollen, Licht in den Fall zu bringen. Zu den wichtigsten literarischen Quellen gehören: De mortibus persecutorum (Über die Todesarten der Verfolger), verfasst von Laktanz in den Jahren 313-316 und die Vita Constantini (Konstantinbiographie) von Eusebius aus den Jahren 338-340. Des Weiteren eine gallische Lobrede eines unbekannten Verfassers, die auf den Herbst des Jahres 313 datiert ist und die in Rom gehaltene Lobrede des Nazarius aus dem Jahr 321. Ferner wird das Medaillon von Ticinum zur Analyse herangezogen.

Lactanz m.p. 44,4-9: Es stand der Tag bevor, an dem Maxentius die Herrschaft angetreten hatte, das heißt der 27. Oktober, und die Fünfjahresfeier neigte sich dem Ende zu (312). Aufgefordert wurde da im Schlafe Konstantin, das himmlische Zeichen Gottes auf die Schilde setzen zu lassen und so in den Kampf zu ziehen. Er verfuhr wie befohlen, und indem er den Buchstaben X umlegte und seine Spitze umbog, setzt er Christi Zeichen auf die Schilde. Mit diesem Symbol gewappnet, greift das ganze Heer zu den Waffen. [...] Bei seinem [Maxentius] Erscheinen wird der Kampf blutiger, und die Hand Gottes lag über dem Schlachtfeld. Das Heer des Maxentius gerät in Panik, er selbst wendet sich zur Flucht, eilt auf die Brücke zu, die unterbrochen war, und wird, von der Masse der Flüchtenden gedrängt, in den Tiber gestoßen.

Eusebius v.C. 1,28-31: Er rief diesen also immer wieder in Gebeten an, indem er ihn anflehte und darum bat, daß er ihm sagen solle, wer er sei, und daß er ihm seine rechte Hand für die anstehenden Unternehmungen reichen solle. [...] da erschien ihm ein wunderbares von Gott gesandtes Zeichen, an das man wohl kaum geglaubt hätte, hätte es ein anderer erzählt.[...] Um die mittäglichen Stunden der Sonne, als sich der Tag bereits neigte, habe er mit eigenen Augen gesehen, wie er sagte, daß am Himmel das Siegeszeichen des Kreuzes, das aus Licht bestand, die Sonne überlagerte, und damit sei ein Schriftzug verknüpft gewesen: „Durch dieses siege!“ Staunen habe ihn über das Schauspiel da ergriffen ebenso wie das gesamte Heer, das ihm, als er irgendwohin aufbrach, nachfolgte und zum Zuschauer des Wunders wurde.

Und so sagte er zu sich selbst, daß er ratlos sei, was die Erscheinung denn eigentlich bedeute. Er führte sich die Sache zu Gemüte und machte sich noch lange Gedanken darüber, als die Nacht über ihn hereinbrach. Da habe er im Schlaf den Gesalbten Gottes (sc. Christus) mit dem Zeichen, das am Himmel erschienen war, gesehen, und er habe ihm befohlen, eine Nachbildung des Zeichens, das er am Himmel gesehen hatte, anfertigen zu lassen und dieses als Abwehrmittel für die Gefechte mit den Feinden zu verwenden.

Panegyrici Latini 4 (10), 14: Finally it is the talk of all the Gauls that armies were seen which let it be known that they had been divinely sent. [...] Your father Constantius, I believe, was their leader, who had yielded earthly triumphs to you, [...].

Panegyrici Latini 12 (9), 2,4-5: What god, what majesty so immediate encouraged you, when almost all of your comrades and commanders were not only silently muttering but even openly fearful, to perceive on your own, against the counsels of men, against the warnings of soothsayers, that the time had to liberate the City? You must share some secret with that divine mind, Constantine, which has delegated care of us to lesser gods an deigns to reveal itself to you alone.

Medaillon von Ticinum

Zu diesen schriftlichen Überlieferungen soll an dieser Stelle das Silbermedaillon von Ticinum als Quelle herangezogen werden. Unter der Vielzahl an interessanten Details sind für die vorliegende Analyse allerdings nur zwei von besonderer Bedeutung. Erstens: auf der Vorderseite sieht man Konstantin mit den römischen Kaiserinsignien dargestellt. Gleichzeitig findet sich aber auch die Darstellung des Chi-Rho – Monogramm Jesu – an seinem Helm. Zweitens: Das Medaillon von Ticinum wird auf das Jahr 315 datiert und ist somit in der Zeit nach den Ereignissen an der Milvischen Brücke geprägt worden.(10)

Anhand dieser Quellen lässt sich sagen, dass die im Film gezeigte Handlung quellennah ist, da jede Quelle zumindest eine göttliche Erscheinung, in welcher Form auch immer, erwähnt. Man würde der Sache aber nicht gerecht, wenn man es so stehen ließe. Im Film wird nämlich wieder nur auf die laktanzsche Version Bezug genommen. Dabei werfen die übrigen Quellen durchaus ein anderes Bild auf die Ereignisse. Im Film wird Konstantin nach der Erscheinung als geläuterter und bekehrter Christ dargestellt. Er nimmt den christlichen Gott an und kämpft in seinem Namen gegen seinen Rivalen Maxentius.

Aber: War Konstantin 312 nun Christ oder nicht? Die Antwort darauf ist schwer zu geben und muss von einer grundsätzlicheren Natur sein. In der modernen Forschung gibt es – grob zusammengefasst – zwei Lager. Diejenigen, die fest davon überzeugt sind, dass Konstantin ein christlicher Überzeugungstäter war, und jene, die sein Handeln lediglich auf sein politisches Streben nach Macht zurückführen.(11) „Einmal steht mehr der Machtmensch und Politiker, einmal der Gott Suchende und aus einem religiösen Sendungsbewusstsein heraus Handelnde im Vordergrund, je nach Interpretation der widersprüchlichen Quellen.“(12)

Herrmann-Otto stellt in dieser festgefahrenen Diskussion nun ein drittes Erklärungsmodel auf. Konstantin habe erstens auf gar keinen Fall den Glauben an die römischen Staatsgötter abgelegt, weil es seiner Politik nicht genutzt, sonder eher geschadet hätte.(13) Vielmehr habe er die Elemente des monotheistischen Sonnenkultes mit dem Christentum und somit den alten mit dem neuen Glauben geschickt verknüpft – ein Beleg für dieses „Verschmelzungstheorie“ ist das Medaillon von Ticinum, auf dem sowohl christliche als auch römische Symbole abgebildet sind. Es gab folglich keine conversio nach modernen Vorstellungen, indem eine Religion ablegt und die andere aufgenommen worden wäre.

Zweitens sei es einem römischen Kaiser nicht möglich gewesen, rein politisch und ohne religiösen Einfluss zu agieren, da Religion(en), Kulte und Riten in der Antike omnipräsent waren und einen integralen Bestandteil des Römischen Reiches darstellten. Diese scharfe Trennung von Religion und Politik – so Herrmann-Otto – ist, wie der Konversionsansatz, ein Produkt der Moderne.

Basierend auf diesen Ergebnissen lässt sich sagen, dass eine genaue Datierung eines Saulus-Paulus Erlebnisses von Konstantin nicht möglich und auch nicht nötig ist.

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