3.4 Seneca auf dem Abstellgleis?

Der Tod des Seneca ist seit jeher ein Mysterium für Historiker, weshalb es unterschiedliche Theorien gibt.

Die Szene, in der Nero Seneca fallen lässt, ist einer der Wendepunkte in der zweiten Hälfte des Films. Wegen seiner Beteiligung an einer Verschwörung gegen den Kaiser fällt Seneca bei seinem früheren Schüler in Ungnade. Der Film-Nero nutzt die Aufdeckung dieser konspirativen Vereinigung, um sich auf einen Schlag all seiner – teils langjährigen – Gegenspieler im Senat zu entledigen. Letztlich mit seinem ehemaligen Lehrmeister abrechnen zu können, bereitet ihm – getreu der Überlieferung – eine geradezu kindliche Freude.(22)

hoplitodromos

Dieser Verlauf der Ereignisse schließt sich damit der Mehrheit der Darstellungen in den Quellen an. Ob Seneca den Verschwörern tatsächlich angehörte, ist allerdings umstritten.

Während Sueton die Theorie vertritt, Nero habe Seneca zum Selbstmord getrieben,(23) obgleich er zu Unrecht beschuldigt worden sei,(24) ist Cassius Dio von einer Beteiligung des Philosophen überzeugt. Als Gründe nennt er dessen Unwillen, weiter „seiner [Neros] Schändlichkeiten, seiner Insolenz, seiner Mordsucht Zeuge zu sein“.(25) Wie auch im Film dargestellt, leugnet Seneca zu keiner Zeit sein Engagement im Zuge des Komplotts. Laut Cassius starb der alte Gelehrte an geöffneten Pulsadern. Unklar bleibt hierbei, ob er selbst die Tat ausführte oder ob die anwesende Wache diese Aufgabe übernahm.(26)

Tacitus erläutert die letzten Stunden im Leben des Seneca in aller Ausführlichkeit. Obschon der Philosoph gar nicht unmittelbar in die Verschwörung verstrickt ist,(27) wie ihm zur Last gelegt wird, wirkt der Todgeweihte verbittert, aber auch gefasst und nicht überrascht. Neros Grausamkeit sei nicht unbekannt gewesen.(28) Hierauf unternimmt Seneca verschiedene Selbstmordversuche, zunächst durch Aufschneiden der Pulsadern, später durch Gift und schließlich durch eine warme Badewanne, um den Vorgang zu beschleunigen. Der Tod trat aber erst in einem Dampfbad ein, in das er am Ende getragen wurde.(29) Ein vergleichsweise aufwändigerer Tod als im Film, in dem Nero Seneca zwar deutlich zum Selbstmord animiert, diesen dann aber mit einem Messer allein in einem Raum zurücklässt. In der nächsten Einstellung sieht man einen verblutenden Seneca am Boden liegen. Die eigentliche Frage nach den Todesumständen des Griechen bleibt also auch hier letztlich unbeantwortet. Damit schlossen sich die Filmemacher der aktuellen Forschungsmeinung  (Selbstmord auf Verlangen) an. Man ließ aber dennoch Freiraum für Interpretationen. Senecas tatsächliche Todesursache wird wohl immer ein Rätsel bleiben.

Ob aus Zwang oder nicht, wieso hält sich die Selbstmord-Theorie? Seneca war Stoiker und als solcher hatte er sich ein Leben lang geistig auf sein Ende vorbereitet. Im letzten seiner zahlreichen Briefe an Nero schreibt er u.a. „Wir müssen uns eher auf den Tod als auf das Leben vorbereiten.“ und „Bereit und willig soll uns das Schicksal finden. Ihm sich anzuvertrauen heißt edle Gesinnung zu bewahren!“(30) Es scheint also nicht allzu weit hergeholt zu sein, dass Seneca seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hat.

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