2. Fragen an den Film zur Historizitätsüberprüfung

2.1 Geisteskranke Kaiser: Machte Caligula sein Pferd Incitatus zum Senator?

Der Film zeigt über die Regierungszeit Caligulas folgende Szene: Im Senat wird gerade über Caligula gelästert, als die Leibgarde des Kaisers den Senat betritt. „Senatoren, der Kaiser von Rom“, tritt einer hervor und alle schauen und warten, dass Caligula eintritt, doch keiner kommt. Als einer der Leibgarde hinaus geht, um nach dem Kaiser zu sehen, kommt er plötzlich zurückgelaufen und schreit: „Aus dem Weg!“ und Caligula kommt auf einem Pferd in den Senat geritten. Claudius sitzt im Senat und schüttelt den Kopf. Caligula steigt vom Pferd und spricht: „Senatoren, ein Geschenk für euch zum Festtag des Augustus. Kraftvoll und anmutig. Erfahren im Krieg. Seinem Herrn treu ergeben. Weise und von edelster Rasse. Ein Feinschmecker mit einer – einer Nase für das süßeste Heu. Erlaubt mir ihn euch vorzustellen: INCITATUS – Ich ernenne ihn zum Senator von Rom! Ihr werdet ihn als einen von euch behandeln! Und zwar immer!“ Caligula lächelt stolz und erwartet Beifall. Als man im Senat aber nur „Getuschel“ hört, verzieht Caligula den Mund und schreit: „Nun?!“, worauf die Senatoren klatschen. Caligula gibt daraufhin dem Pferd einen Kuss und geht lächelnd aus dem Senat.

Der Film möchte dem Zuschauer also suggerieren, dass Caligula ein Pferd zu einem Senator ernannt hat. Daher soll nun im Folgenden erst einmal geklärt werden, ob ein Pferd namens Incitatus überhaupt existierte und ob jenes wirklich diesen Posten erhalten hat oder ob hier nur ein weiterer Beweis angefügt werden sollte für Caligulas Cäsarenwahn. In Suetons Kaiserviten findet ein Pferd namens Incitatus tatsächlich Erwähnung:

Seinem Pferd Incitatus zuliebe pflegte er am Tage vor dem Rennen im Zirkus, um das Tier nicht in seiner Ruhe stören zu lassen, der ganzen Nachbarschaft durch Soldaten zu befehlen, jeglichen Lärm zu vermeiden. Außer einem Stall aus Marmor nebst elfenbeinerner Krippe, purpurnen Decken und mit Edelsteinen besetzten Halsbändern gab er ihm noch einen eigenen Palast mit Dienerschaft und Hausrat, um die in seinem Namen eingeladenen Gäste mit ganz besonderer Pracht empfangen zu können. Es heißt sogar, er habe vorgehabt, es zum Konsul zu machen.(1

Auch Cassios Dio lässt Details über den Umgang mit dem Pferd einfließen und nennt im letzten Satz ein wichtiges Detail, welches die Filmemacher zu ihrer Szene inspiriert haben könnte:

Eines von den Pferden, dem er die Bezeichnung Incitatus gab, lud er gewöhnlich sogar zum Mahle, wo er ihm goldene Gerstenkörner aufschütten ließ und aus goldenen Bechern zutrank; auch schwor er beim Leben des Tieres und bei seiner Tyche und versprach sogar dazu noch, das Pferd zum Konsul zu bestellen, eine Zusage, die er gewiß eingelöst hätte, wenn er noch länger am Leben geblieben wäre.(2)

So lässt sich schlussfolgern, dass es ein Pferd namens Incitatus gegeben hat. Dieses wurde von Caligula offensichtlich sehr hofiert und hatte einen besonderen Status inne. Mit dem Gedanken, es zum Konsul, nicht, wie im Film dargestellt, zum Senator zu ernennen, hat Caligula nach übereinstimmender Aussage der Quellen also gespielt. Cassius Dio hält dies sogar für sehr wahrscheinlich, wenn Caligula denn länger gelebt hätte.

Die Szene im Film selber kann einer historischen Überprüfung insofern nicht standhalten, als der Kaiser sein Pferd niemals zum Magistrat ernannt hat; ein Pferd namens Incitatus hat Caligula aber in der Tat besessen. Die Szene ist also deutlich durch die antiken Quellen beeinflusst, geht aber aus dramaturgischen Gründen einen Schritt weiter, auch wenn hier nur von einer Nennung zum Senator statt zum Konsul die Rede ist.

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